von Malte Kleinwort
[…] solange es Araber gibt, wandert diese Scheere durch die Wüste und wird mit uns wandern, bis wir die Wüste verlassen ans Ende der Tage. Jeden Europäer wird sie angeboten zu dem grossen Werk, jeder einzelne Europäer ist gerade derjenige welcher ihnen berufen scheint.[1]
Babel – und Babel. Unbestreitbar sind Kafkas Texte auf vielfältige Art und Weise in theologische Zusammenhänge verstrickt. Das reicht von der Behandlung theologischer Grundfragen wie der Frage nach Schuld und Sühne bis hin zur Anverwandlung diverser biblischer Motive. Mit den hier angestellten Überlegungen werden insofern grundlegende Fragestellungen im Verhältnis von Literatur und Theologie berührt, als die beiden von mir herausgegriffenen biblischen Motive in Kafkas Texten zu Schreibtendenzen, -haltungen oder -einstellungen werden, die sich zu Schrifttendenzen, -haltungen oder -einstellungen verallgemeinern lassen. Der Schauplatz des Widerstreits zwischen den beiden Schreibtendenzen, der symbolisierenden und der allegorisierenden, ist demnach zugleich Schauplatz der Schrift selbst. Hier kann eine solche – sich nicht zuletzt aus der Unterscheidung von Symbol und Allegorie ergebende – allgemeine Perspektive indes allein zukünftiger Fluchtpunkt sein, da es ihr um die Klärung des Verhältnisses von zwei biblischen Motiven und zwei Schreib-, Schrift-, oder Texttendenzen gehen muss, die in ihrer theoretischen Tragweite nicht bis ins Letzte durchleuchtet werden können, bevor nicht die Relevanz der biblischen Motive für Kafkas Texte erwiesen ist. Diesem Erweis ist meine Untersuchung vor allem anderen verpflichtet; der Ort, an dem sich daran anschließend eine theoretische Diskussion führen ließe, die dem verwickelten Verhältnis von Symbol und Allegorie Rechnung trägt, ist das im Folgenden mehrmals erwähnte Trauerspielbuch Walter Benjamins.
Die beiden biblischen Motive, deren Anzeichen in Kafkas Texten hier untersucht werden sollen, sind einerseits die häufig mit Kafka in Verbindung gebrachte Babel-Legende aus der Genesis (Gen 11), andererseits und in der Hauptsache das Babel-Motiv aus den Prophetenbüchern (vgl. insb. Jes 13 / Jer 50, 51). Beide Motive gehen auf eine Gottesvorstellung zurück, deren Bedeutung für Kafkas Schreiben und seine Texte kaum zu überschätzen ist: die Vorstellung von Gott als Richter.[2] Verurteilt Jahwe in der Legende aus der Genesis die Völker, die sich zum Projekt des Turmbaus vereint hatten, zu Sprachverwirrung und Zerstreuung (vgl. Gen 11), wird in den Prophetenbüchern ein Urteilsspruch Jahwes prophezeit, nach dem Babel die restlose Vernichtung bevorsteht (vgl. Jes 13).
Bevor ich mich an die Einsammlung der philologischen Belege für die Bedeutsamkeit des Babel-Motivs aus den Prophetenbüchern mache, möchte ich die behauptete Verknüpfung der beiden Babel-Motive mit zwei grundlegenden Schreibtendenzen Kafkas von der Babel-Legende aus der Genesis her entwickeln. In der ersten biblischen Erwähnung Babels steht selbstverständlich der Turmbau im Zentrum oder der Bau eines Werkes, das darauf ausgerichtet ist, in der Höhe alles zu überbieten, über jedes menschliche Maß hinaus zu gelangen. Jener anmaßende Drang ins Unermessliche hat als vielleicht letztes Ziel die Übersteigung alles Menschlichen und also das Göttliche; Hybris ist demnach das Vergehen, für welches die Menschheit in mythischer Vorzeit zur Diaspora verurteilt worden war. Der Bau eines übermenschlichen, eines quasi göttlichen Werkes bietet sich als Knotenpunkt zwischen der Babel-Legende aus der Genesis und der einen hier zu behandelnden Schreibtendenz Kafkas an, während sich von der abschließenden Bestrafung bereits ein Bogen zum Babel-Motiv aus den Prophetenbüchern schlagen ließe, der die dialektische Verstrickung beider Motive anzeigt.
Von Kafkas Texten her gedacht ist das Göttliche des zu errichtenden Werkes seine ästhetische Wahrheit; eine ähnliche Verbindung zwischen Theologie und Literatur findet sich in Walter Benjamins Trauerspielbuch wieder. In Benjamins Erkenntniskritischer Vorrede zum Trauerspielbuch sind die den goetheschen Idealen nahen Ideen der quasi göttliche Garant für die Wahrheit einer Darstellung.[3] Das Göttliche der Idee zeigt sich in ihrer Nähe zur adamitischen Namensgebung nicht weniger als in ihrer Nähe zum theologischen Symbol.[4] Im dialektischen Sinn des Symbols, wie er im Trauerspielbuch entfaltet wird, ist das Werk, das am oder als Knotenpunkt zwischen der Babel-Legende aus der Genesis und einer Schreib- oder Schrifttendenz zu errichten wäre, ein symbolisches. Auf Einheit ist es gerichtet, auf ein Werk, das nur so und nicht anders sein kann; sich anverwandelnd der adamitischen Form der Namensgebung, die für Benjamins frühe Überlegungen zur Sprache konstitutiv ist, richtet sich das Werk auf ein Jenseits der unverbindlichen allegorischen Möglichkeiten. Das Kafkaeske jener sich an der adamitischen Namensgebung orientierenden Anverwandlung ist die Brechung durch die Babel-Legende selbst; einerseits wird die Namensgebung zurückgebunden an das sündhafte Ziel, sich einen Namen zu machen; andererseits steht den um Einheit bemühten genau dasjenige bevor, was sie verhindern wollten: die Zerstreuung:
Wohlauf, laßt uns eine Stadt und einen Turm bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen! denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. (Gen 11,4)[5]
Die Namensgebung wird herabgewürdigt zum eigennützigen Projekt der Selbsterhebung, die Selbstgabe des Namens durchkreuzt von der anvisierten Mache eines Namens. Die Vertikale ist die Achse, an der sich das zu errichtende Werk ausrichtet. Nach oben richtet es sich[6] und von oben erwartet es den Richtspruch, die Vereitelung des eitlen Projekts. Die juristische Form des Richtens stimmt überein mit der motorischen[7] in der Orientierung auf einen Punkt oder auf eine Ansammlung von Punkten, die in einer Richtung liegen. Beide Formen haben einen Zielpunkt im Visier – wie diffus er auch sein mag. Bei der motorischen Form ist es der Punkt, nach dem sich aus- oder zu dem sich hingerichtet wird; bei der juristischen ist es der Sachverhalt oder der oder die Beschuldigte(n), über den/die gerichtet werden soll. In Kafkas Texten liegen Sachverhalt und Beschuldigter zumeist in der gleichen gedanklichen Richtung. Zurück beim Knotenpunkt zwischen der Babel-Legende aus der Genesis und einer Schrifttendenz aus Kafkas Texten markiert der Richtspruch, der die Gerichteten in alle Winde zerstreut, zugleich das Ende des Werks, das bloß eine Richtung im Sinn hatte. In welcher Art und Weise findet sich eine solcherart umrissene Schreibtendenz in Kafkas Texten wieder? Einerseits als eine Schreibpraxis, deren Facetten in dem berühmten Wort Kafkas über die einzig richtige Form des Schreibens zusammenlaufen:
Diese Geschichte „das Urteil“ habe ich in der Nacht vom 22 zum 23 von 10 Uhr abends bis 6 Uhr früh in einem Zug geschrieben. […] Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele. (Tb 460, 23.9.1912)
Mit jener Überlegung drückt sich die Vorstellung eines Schreibens aus, das ohne Unterbrechung von einem Punkt zu einem anderen gelangt. Wie so vieles bei Kafka zeigt sich auch diese Schreibtendenz in seinen Texten vor allem ex negativo im gescheiterten Versuch, die Tendenz in die schriftliche Tat umzusetzen. Die unzähligen unvollendeten Erzählansätze, die meist durch markante horizontale Striche voneinander getrennt sind, sträuben sich dementsprechend der Einordnung in ein collagiertes Ganzes aus der Gesamtheit der Ansätze; sie bebildern kein flächiges Panorama von Schreibinteressen, sondern sie zeugen von dem Bemühen, in jedem einzelnen der Ansätze losgelöst von allem und allen anderen in den einen Zug, den einen Zusammenhang zu kommen, dem – ausgerichtet auf Richter und Richtspruch – der Richtspruch beziehungsweise die dramtische Begegnung mit dem Richter widerfährt. Ebenso lassen sich im Gestrichenen einige Manifestationen dieser wie jeder anderen Tendenz finden, die ob ihrer Überdeutlichkeit gestrichen wurde.[8] Einer der wenigen – wenn nicht der einzige – im traditionellen Sinne gelungenen Versuche des schreibenden Richtens auf einen Richtspruch hin ist die in einem Zug niedergeschriebene Erzählung Das Urteil. Auf das Urteil des Vaters gerichtet, erfährt Georg Bendemann den Richtspruch, den er unverzüglich in die Tat umsetzt. Eine solche idealtypische Umsetzung dieser Tendenz gelingt Kafka kein zweites Mal. So wichtig Das Urteil für Kafkas Schreibentwicklung war, so falsch wäre es, das Gelingen von Literatur in Kafkas Texten von der idealtypischen Umsetzung einer Schreibtendenz her zu denken – welcher Art sie auch immer sein mag. Was Kafkas Texte auszeichnet, ist die Arbeit an und mit den Widerständen, die eine Umsetzung der Einstellungen be- oder verhindern. Das Urteil wäre unter jener Perspektive eine Umsetzung, welche die Widerstände ziemlich klein halten und deren Auswirkungen in für die Umsetzung günstige Bahnen lenken konnte. Die kafkaeske Zersplitterung des Richters in einen unüberschaubaren Gerichtsapparat, um einen prominenten Widerstand herauszugreifen, spielt im Urteil so gut wie keine Rolle.
An der chronologisch ersten von mehreren, mehr oder weniger direkten Anverwandlungen der Babel-Legende aus der Genesis in Kafkas Texten[9] soll im Folgenden die Verflechtung des biblischen Motivs mit dem Schreiben Kafkas illustriert werden. Es dreht sich dabei um einen Abschnitt aus Kafkas frühem Novellenprojekt Beschreibung eines Kampfes, dessen Überarbeitung zu keinem Ende fand und das sich in den sogenannten „Du“-Fragmenten aus den ersten beiden Oxforder Quartheften verlief. [10]
Ich habe Erfahrung und es ist nicht scherzend gemeint, wenn ich sage, daß es eine Seekrankheit auf festem Lande ist. Deren Wesen ist so, daß ihr den wahrhaftigen Namen der Dinge vergessen habt und über sie jetzt in einer Eile zufällige Namen schüttet. Nur schnell, nur schnell! Aber kaum seid ihr von ihnen weggelaufen, habt ihr wieder ihre Namen vergessen. Die Pappel in den Feldern, die ihr den „Turm von Babel“ genannt habt, denn ihr wußtet nicht oder wolltet nicht wissen, daß es eine Pappel war, schaukelt wieder namenlos und ihr müßt sie nennen „Noah, wie er betrunken war“[11] BeK 130f.
Die Holprigkeit dieser frühen, vermutlich von Nietzsches Sprachkritik inspirierten Passage springt direkt ins Auge; die verwendeten Bilder sollen die kritischen Überlegungen zur Fähigkeit, die richtigen Metaphern, den richtigen sprachlichen Ausdruck für ein zu Bennendes beziehungsweise ein zu Erzählendes zu finden, illustrieren, wollen aber nicht so recht passen. Als unpassende passen die Bilder wiederum von einer höheren, selbstreflexiven Warte aus. Allerdings behält die Passage selbst von jener höheren Warte aus, die in den unpassenden Metaphern eine Veranschaulichung der Schwierigkeit, passende Bilder zu finden, zu sehen vermeint, eine gewisse Unbeholfenheit, die für Kafkas frühe literarische Versuche kennzeichnend ist. Der Unbeholfenheit ist es geschuldet, dass die eher unpassenden Metaphern deutlicher als in späteren Texten – eben fast zu deutlich – den Übergang von einem biblischen Motiv zu einer Schreibtendenz bei Kafka nahelegen. Die „Pappel“, die bis auf zwei Buchstaben mit dem „Papier“ übereinstimmt und bis auf einen Buchstaben mit „papel“, dem spanischen Wort für „Papier“, ist ein leidlich geglückter Verweis auf die Novelle selbst mitsamt ihrem Schreibuntergrund. Es ist die Novelle, die der Verbindung zum symbolischen Großprojekt, dem Turmbau zu Babel, nicht standhält, denn sie „schaukelt wieder namenlos“ – tatsächlich fand Kafka bei der gescheiterten Überarbeitung der Novelle keinen geeigneten Titel[12] – und müsste eigentlich „‚Noah, wie er betrunken war‘“ genannt werden; sie müsste also im Titel einen Hinweis auf das Unvermögen des Autors geben, die richtigen Metaphern zu finden. Eine entsprechende Ersetzung findet sich in den „Du“-Fragmenten, mit denen Kafka versucht, die Novelle zu einem Abschluss zu führen. Dort stößt eine ertrunkene Leiche zuerst an ein „Holzstück“[13] und dann nach Streichung des „Holzstück[s]“ an einen „müden Schwimmer“ (vgl. OQH2 47 / Tb 126).
Von allen mehr oder weniger deutlichen literarischen Adaptionen der Babel-Legende aus der Genesis in Kafkas Texten ermöglicht jene in der Erzählung Beim Bau der chinesischen Mauer den leichtesten Übergang zum Babel-Motiv aus den Prophetenbüchern.[14] Inmitten einer langen Erörterung über Sinn und Zweck des unzweifelhaft horizontal ausgerichteten Bau-Projekts der chinesischen Mauer kommt es zu folgender Überlegung:
[…] erst die grosse Mauer werde zum erstenmal in der Menschenzeit ein sicheres Fundament für einen neuen Babelturm schaffen. (NSF I 343)
Durch den Bau der chinesischen Mauer soll ein sicheres Fundament für einen neuen, womöglich gelungenen vertikalen (Text-)Bau geschaffen werde; das Mauerbauprojekt ist also ein vorläufiges, eines, das ein zukünftiges (Text-)Bauprojekt vorbereiten soll: dem zukünftigen soll ein zukunftsträchtiger Baugrund bereitet werden. Im Gegensatz zum Turmbauprojekt hat das Projekt des Mauerbaus keine eindeutige Richtung und ist zersplittert in unzählige Teilbauprojekte:
Die chinesische Mauer ist an ihrer nördlichsten Stelle beendet worden. Von SüdOsten und SüdWesten [„Süd“ wurde jeweils später eingefügt, M.K.] wurde der Bau herangeführt und hier vereinigt. Dieses System des Teilbaus wurde auch im Kleinen innerhalb der zwei grossen Arbeitsheere, des Ost- und des Westheeres befolgt. (vgl. NSF I 337 / NSF I App. 287)
Gebaut wurde also „zum Schutz gegen die Nordvölker“ (vgl. NSF I 338) von Südwesten nach Nordosten und von Südosten nach Nordwesten – im Kleinen wie im Großen. Der – womöglich löchrige – Bau erstreckt sich in der Horizontalen von Osten nach Westen, sein Ziel ist die Um- und Abgrenzung eines Gebietes, das vor dem Einfall der unheimlicher Nordvölker geschützt und abgedichtet werden soll. In Beim Bau der chinesischen Mauer geht es um die weitgehend richtungslose Orientierung in einem zu erkundenden Gebiet, sei es konkret das Land diesseits der Mauer oder abstrakt das Volk und die Gesellschaftsstruktur des Volkes jenseits des Landes der Nordvölker.
Das Unfertige, Vorläufige ist der zerstückelten, allegorischen Bauweise eigen[15] . Häufig gerät sogar der Bau selbst angesichts der Aufgabe der Vorbereitung aus dem Blickfeld, so dass statt des Baus die Erkundung des Gebietes, in dem gebaut werden soll, ins Zentrum gerückt wird; jenes Gebietes, auf dem ein Turm errichtet oder um das herum eine Mauer aufgebaut werden soll, um einen zukünftigen Turmbau vorzubereiten. Auch in Beim Bau der chinesischen Mauer gerät der Mauerbau zugunsten topographischer und soziologischer Untersuchungen in den Hintergrund. Das Allegorische jener Schreibtendenz ist einerseits die allerhöchstens mittelbare und sich erst in der nachträglichen Analyse erweisende Orientierung auf einen jenseitigen, theologisch-symbolischen Zusammenhang, der die prosaischen Elemente in eine vertikale Ordnung einzugliedern verspricht; andererseits ist das Allegorische durch die horizontale Aneinanderreihung einzelner weitgehend gleichberechtigter Phänomene, die Teil einer gewissermaßen prä-literarischen Abhandlung werden, gekennzeichnet. Die ausgereifteste Erzählung, die hauptsächlich von jener Schreibhaltung bestimmt wird, ist beziehungsweise sind die sequenziellen Forschungen eines Hundes. Der Roman, in dem die Schrifttendenz am deutlichsten zum Vorschein kommt, ist Der Verschollene, Kafkas frühes Romanfragment, in dem Karl Rossmann Land und Leute der Neuen Welt erkundet.[16]
Wo liegt nun aber die Verbindung zwischen der allegorischen Schreibtendenz und dem Babel-Motiv aus den Prophetenbüchern? Eine erste Antwort müsste lauten: im Norden. Bevor ich diese Antwort weiter ausführen und mit Leben füllen kann, wird es nötig sein, den Hinweisen auf das Babel-Motiv aus anderen, früher geschriebenen Texten Kafkas nachzuforschen. Der chronologisch erste ist der Hinweis aus den 1910 entstandenen Fragmenten zum kleinen Ruinenbewohner. Vorauszuschicken sind einige Überlegungen zum Status des Textes und damit zur Frage, inwiefern es sich bei dem Ich, das sich in eine Ruinenlandschaft hineinphantasiert, um Kafka handelt. Die jeweils an der gleichen Argumentationskette orientierten, erziehungskritischen Fragmente beginnen alle mit einer leicht variierten tagebuchartigen Formulierung:
Wenn ich es bedenke, so muss ich sagen, dass mir meine Erziehung in mancher Richtung sehr geschadet hat. (Tb 17 / OQH1 22)
Oft überlege ich es und lasse den Gedanken ihren Lauf ohne mich einzumischen und immer, wie ich es auch wende, komme ich zu dem Schluss, dass mir in manchem meine Erziehung schrecklich geschadet hat. (Tb 20 / OQH1 30)
Oft überlege ich es und lasse den Gedanken ihren Lauf, ohne mich einzumischen, aber immer komme ich zu dem Schluss, dass mich meine Erziehung mehr verdorben hat als ich es verstehen kann. (Tb 23 / OQH1 38)
Ich überlege es oft und lasse den Gedanken ihren Lauf ohne mich einzumischen, aber immer komme ich zu dem gleichen Schluss, dass die Erziehung mich mehr verdorben hat, als alle Leute, die ich kenne und mehr als ich begreife. (Tb 27 / OQH1 50)
Tatsächlich befinden sich die anfänglichen Denkschlüsse in einem Heft, das zu jener Zeit als Tagebuch genutzt wurde, wie es die vorangehenden drei autobiographische Eintragungen über die Beobachtung des Halleyischen Kometen nahelegen (vgl. Tb 16f. (OQH1 21f.). In ihrem Verlauf, in ihrer perennierenden Ausgestaltung gleiten die Fragmente aus dem Rahmen einer autobiographischen Aufzeichnung, wie sie traditionell verstanden wird; autobiographische Fakten und Erlebnisse verschwinden gleichsam in einem literarisierendem Sog. Dementsprechend markieren die Fragmente im Ersten Oxforder Quartheft weniger die Fortsetzung als den vorläufigen Abschluss von Kafkas zarten Bemühungen um das Führen eines Tagebuchheftes. Wie „Kafka“ in literaturwissenschaftlichen Untersuchungen nicht selten metonymischer Statthalter für seine Texte ist, so scheint das vermeintlich autobiographische Ich des Textes zum Statthalter eines unbestimmten literarischen Ichs geworden zu sein.[17] Was eine genaue Analyse der Anfänge zeigen würde, zeigt sich auch bei der Analyse der Fragmente im Ganzen: Vieles wird wiederholt, in der Wiederholung leicht verschoben, häufig hyperbolisch überhöht, ohne an neuen argumentativen Ufern anzukommen. Ganz im Gegenteil kommen die Fragmente in der argumentativen Durchleuchtung der Vergangenheit, der forcierten Explikation der Erziehungs- und Gesellschaftskritik nicht voran, sondern brechen, bevor sie die in vorangegangenen Fragmenten erreichten Punkte der Argumentation erreicht haben, ab. So fällt auch der hier ins Zentrum gerückte kleine Ruinenbewohner der schleichend fortschreitenden Regression zum Opfer. Im ersten, kürzesten Fragment macht er noch den Hauptteil des Textes aus, das zweite Fragment dagegen verirrt sich in der die Fragmente durchziehenden Frage nach der Berechtigung der Erziehungskritik, bevor es zu ihm, dem kleinen Ruinenbewohner, kommen kann; im dritten Fragment endet seine Beschreibung mit einer Variation des letzten Satzes aus dem ersten Fragment und in den Fragmenten 4 bis 6 bricht der Text aufgrund der oben erwähnten schleichenden Regression ab, der kleine Ruinenbewohner bleibt unerwähnt. So bleibt es bei zwei Beschreibungen des kleinen Ruinenbewohners im ersten und im dritten Fragment:
Auf die Gefahr hin, dass die ganze Reihe meiner vergangenen Lehrer dies nicht begreifen kann, gerne und am liebsten wäre ich jener kleine Ruinenbewohner gewesen, abgebrannt von der Sonne, die da zwischen den Trümmern von allen Seiten auf den lauen Epheu mir geschienen hätte, wenn ich auch im Anfang schwach gewesen wäre unter dem Druck meiner guten Eigenschaften, die mit der Macht des Unkrauts in mir emporgewachsen wären. (Tb 17 / OQH1 23)
Erwartet man vielleicht, dass ich irgendwo abseits erzogen worden bin? Nein, mitten in der Stadt bin ich erzogen werden mitten in der Stadt. Nicht zum Beispiel in einer Ruine in den Bergen oder am See. Meine Eltern und ihr Gefolge war bis jetzt von meinem Vorwurf bedeckt und grau; nun schieben sie ihn leicht beiseite und lächeln, weil ich meine Hände von ihnen weg an meine Stirn gezogen habe und denke: Ich hätte der kleine Ruinenbewohner sein sollen, abgebrannt von der Sonne, die zwischen den Trümmern hindurch auf mein Epheulager von allen Seiten mir geschienen hätte, horchend ins Geschrei der Dohlen, von ihren Schatten überflogen, auskühlend unter dem Mond, wenn ich auch am Anfang ein wenig schwach gewesen wäre unter dem Druck meiner guten Eigenschaften die mit der Macht des Unkrauts in mir hätten wachsen müssen. (Tb 19 / OQH1 29)
Bei der Frage, welche Ruinen neben anderen Pate gestanden haben könnten, drängen sich einige Stellen aus den Prophetenbüchern des Alten Testaments auf. In ihnen geht es um die Bestrafung mehrerer sündhafter Völker, der Babylonier und Edomiter vor allem; es geht um die Prophezeiung Menschen und Städte vernichtender göttlicher Strafaktionen:
Also soll Babel, das schönste unter den Königreichen, die herrliche Pracht der Chaldäer, umgekehrt werden vor Gott wie Sodom und Gomorra, daß man hinfort nicht mehr da wohne noch jemand da bleibe für und für, daß auch die Araber keine Hütten daselbst machen und die Hirten keine Hürden da aufschlagen; sondern Wüstentiere werden sich da lagern, und ihre Häuser sollen voll Eulen sein, und Strauße werden da wohnen, und Feldgeister werden da hüpfen und wilde Hunde in ihren Palästen heulen und Schakale in den lustigen Schlössern. Und ihre Zeit wird bald kommen, und ihre Tage werden nicht säumen. (Jes 13,19-22)
Was lässt sich mit der vermuteten Patenschaft jenes biblischen Szenarios bei der Analyse der Fragmente anfangen? Einerseits können wir dadurch etwas von den möglichen Hintergründen der von einem Einzelnen bewohnten Ruinen erfahren; andererseits lässt sich aufgrund jener unterstellten Patenschaft das noch zu skizzierende Schicksal des kleinen Ruinenbewohners in Kafkas Texten besser erklären. Nähern wir uns den Hintergründen des Szenarios in den Fragmenten zum kleinen Ruinenbewohner also über die biblischen Ruinen Babels. Während bei den Fragmenten zum kleinen Ruinenbewohner einem unzweifelhaften Verfasser und einem relativ leicht zu bestimmenden Jahr der Entstehung ein namenloses ich als Hauptfigur gegenüber steht, dessen Identität mit dem Verfasser, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein kann, in Auflösung begriffen ist, sind bei Jesaja Verfasser und Entstehung bis heute nicht letztgültig geklärt, obwohl die Identität von Verfasser und Propheten als (vermeintlich) unleugbare Tatsache vorausgesetzt wird (Jes 13,1: „Dies ist die Last über Babel, die Jesaja, der Sohn des Amoz, sah.“). Tatsächlich spricht einiges dafür, bei der Frage nach der Redaktionsgeschichte von Jes 13 von mehreren Verfassern und mehreren Überlieferungsschichten auszugehen, durch die selbst einzelne Satzzusammenhänge zerlegt und unterschiedlichen Epochen zugeordnet werden.[18] Weder beim kleinen Ruinenbewohner noch bei Jesaja geht es um die Beschreibung der Gegenwart. Dem Irrealis der Vergangenheit bei der Darstellung des kleinen Ruinenbewohners, die selbstredend auch ein zukünftiges, ein gewissermaßen utopisches Moment enthält, steht bei Jesaja das Zukünftige, das Nicht-Gegenwärtige der Prophezeiung gegenüber.
Was die Bibelstelle für eine Lektüre der Fragmente zum kleinen Ruinenbewohner vor allem anderen bedeutsam werden lässt, ist die Vorgeschichte der Ruinen. Ein in die Tat umgesetzter göttlicher Richtspruch geht ihnen voraus, der die Zerstörung eines bestimmten von Sünde belasteten Gebietes zur Folge hatte. Von daher gedacht befände sich der kleine Ruinenbewohner ganz und gar nicht in einer Art Naturidylle, wie es den Anschein haben könnte, sondern auf verbrannter Erde würde er ins Geschrei der Dohlen horchen. Die Dohlen wiederum weisen nicht nur den Weg zu den weiteren literarischen Wiederaufnahmen des womöglich biblischen Szenarios in Kafkas Texten, sondern sie verraten uns in Verbindung mit den anderen unreinen Tieren, die in der Bibel genannt werden und von denen einige ebenso wie die Dohlen bei den literarischen Wiederaufnahmen Kafkas eine wichtige Rolle spielten, etwas vom Status der verbrannten Erde. Qua göttlichem Richtspruch ist das Land verbrannte Erde, ist tabu für alle – mit Ausnahme der unreinen, der qua Geburt schuldbeladenen Geschöpfe, wie den Schakalen oder den Hyänen, den Eulen oder Wüstengeistern.
Von der Bibel her gedacht liegt ein göttlicher Bann über der unwirtlichen Szenerie, in der sich der kleine Ruinenbewohner befindet. Die Schuld der unreinen Tiere wie auch die der zum Tode verurteilten Babylonier oder der Edomiter aus dem Buch Jeremia ist offensichtlich keine individuelle, sondern, bei den unreinen Tieren, eine Schuld der natürlichen Herkunft, bei den verurteilten Völkern eine gesellschaftliche, eine Schuld des Kollektivs. Aus jenen Schuldzusammenhängen gibt es kein Entrinnen – es sei denn durch den Tod, den tödlichen Strafakt, der freilich auch bei Kafka nur ein höchst zweifelhaftes Erlösungspotential in sich birgt.[19] In Kafkas frühen Texten werden jene von göttlichen Strafaktionen heimgesuchte Gebiete eher von der zumindest partiell oder momentan Schuld tilgenden Kraft der niedergegangenen Strafe her gedacht als vom gegenwärtigen Bann, der auf dem Gebiet liegt; dem Banne gemäß dürfen sich bloß die bereits schuldbeladenen unreinen Geschöpfe in das Gebiet begeben, ohne sich durch die Missachtung des Tabus neue Schuld aufzuladen.
Jene unabdingbare Verstrickung in gesellschaftliche Schuld (Adorno würde an dieser Stelle von den berühmt-berüchtigten universellen Tauschzusammenhängen sprechen) knüpft ein Band zwischen den sündigen Völkern der Bibel, z.B. den Babyloniern, und den durch die kapitalistische Gesellschaft bestimmten bürgerlichen Individuen. Der kleine Ruinenbewohner wäre unter einer solchen Perspektive ein allzu naiver, für Kafka letztlich untypischer Traum von erlöster Individualität, der Traum einer Individualität jenseits von Gesellschaft, die auf dem verbrannten Boden einer ehedem zerstörten neu erwächst. Bezeichnenderweise wird der strikt asozial gedachte kleine Ruinenbewohner nur von den Schatten der Dohlen überflogen, nicht von den Dohlen selbst, und auch ihr Geschrei, das in Ein altes Blatt noch Thema werden sollte, wird nur von Ferne erhorcht.
Der kleine Ruinenbewohner als fast ein wenig wahnwitziges Individuum jenseits einer jeden Gesellschaft und Erziehung findet im Ersten Oxforder Quartheft zu keiner literarischen Ausgestaltung; die sechs Fragmente zum kleinen Ruinenbewohner bleiben, was sie sind: unvollendet. Es gab zu jener Zeit, im Sommer 1910, noch ein zweites Heft, das Zweite Oxforder Quartheft, in dem sich Kafka wohl seit Ende 1909 an der später Unglücklichsein betitelten Erzählung versuchte und das dementsprechend von 1909 bis Ende 1910 als literarisches Arbeitsheft fungieren sollte. Beide Hefte scheinen indes in den langen Monaten ihrer Benutzung immer wieder andere Aufgaben zu erfüllen, sind vom Scheitern des originär autobiographischen wie des originär literarischen Schreibens, sind vom Scheitern von Kafkas Schreiben überhaupt gezeichnet. Eine wahrscheinlich in zeitlicher Nähe zu den Fragmenten vom kleinen Ruinenbewohner entstandene, späte Passage aus der Erzählung Unglücklichsein lässt die Konturen eines Kafka womöglich bekannten protestantischen Kommentars zu einem mit der zitierten Stelle bei Jesaja querverknüpften Abschnitt aus der Bibel wiedererkennen. Otto von Gerlach kommentierte in der 1893 erschienenen mehrbändigen Bibel den Untergang Edoms bei Jesaja folgendermaßen:
Ganz ähnlich die Schilderung der Verödung in der Weissagung über Babel Jes 13,21-22. Kobold, hebr. Lilith, zu Deutsch das Nachtweib. Die gespenstischen Gestalten in der Phantasie der Völker sind Täuschungen, aber sie sind zugleich wirkliche Erzeugnisse des wirklichen Lügengeistes, der mit dem Menschengeiste buhlt. Es ist nicht genug, nicht an Gespenster zu glauben: es ist mehr, auch die Wirklichkeit, die in diesen Täuschungen liegt, zu verstehen und die Urheber der Täuschung zu kennen. Das ist prophetisch-apokalyptisches Verständnis der Zauberei.[20]